Xaver Egger als Putzpoet

Herr Egger, was macht eine gute Putzfassade aus?

Das ist eine sehr spannende Frage, weil die Beurteilung gleichzeitig im Bauch und im Kopf stattfindet. Einerseits geht es um Technologien und andererseits um etwas sehr Emotionales, nämlich um Gestaltung. Wenn das harmoniert, ist es eine gute Fassade. Außerdem ist eine Putzfassade dann gut, wenn sie alle Anforderungen, die heute an ein Haus gestellt werden, bauphysikalisch und städtebaulich meistert.

 

Wie viel poetische Kraft steckt in einer guten Putzfassade?

Viel. Auf der einen Seite ist sie die Hülle. Auf der anderen Seite ist sie aber auch das Gesicht, die Haut und das Kleid. Da stecken ganz viele sinnliche und emotionale Themen drin.

 

Was kann Putz, was ein anderes Fassadenmaterial nicht kann?

Putz kann dieses eine Kleid sein, das man drüber wirft. Diese monolithische Eigenschaft hat Beton zwar auch, ist dabei aber sehr viel rougher und braucht Fugen. Die Putzoberfläche kann homogen sein und einen Baukörper zu einer Skulptur machen, die wie aus einem Stein gehauen wirkt. Häufig werden Häuser auch als Stadtbausteine bezeichnet. Mit Putz kann man einen dieser Steine modellieren.

 

Was sind Ihre persönlichen Putz-Favoriten hinsichtlich Farbe und Struktur?

Beim Thema Farbe kann ich mir alles vorstellen. Wir setzen sie gerne ein, auch kräftige. Aber die Farbe allein ist nicht das Thema. Wichtig ist auch die Struktur, weil sie den Charakter des Gebäudes ausmacht. Wir schauen oft, wie glatt oder wie rau eine Fassade sein kann und versuchen, Spiel und Varianz reinzubringen. Dabei müssen wir natürlich berücksichtigen, was technisch machbar ist. Die Fassade ist die Eintrittskarte in das Haus. Sie ist das Gesicht. Deshalb wollen wir sie auch besonders gestalten. Das zu schaffen, ist mit einem Standard-WDVS und einer Standard-Körnung schwierig. Dafür muss auch der Bauherr sensibilisiert werden. Wir erstellen vorab Muster und zeigen sie. Viele Fassaden wirken flach. Auf einem sehr strukturierten Putz hingegen entsteht eine gewisse Plastizität mit Licht- und Schattenspiel. Dadurch wirkt das Gebäude lebendig.

 

Welche Botschaft zum Thema Putzfassade haben Sie für Architekten?

Eine Botschaft von mir wäre: Nutzt die Vielfalt von Putz und gestaltet nicht immer alles gleich. Zudem sollte auch nicht unterschätzt werden, wie planungsintensiv eine Putzfassade ist. Sie ist nicht immer das günstigste und einfachste. Als Planer muss man tiefer gehen, wenn man etwas Spannendes abseits des Mainstreams entwerfen möchte.