Interview Pinar Gönül – Teil 1

Was macht eine gute Putzfassade aus?

Verputze haben die Funktion, das Mauerwerk vor Durchfeuchtung zu schützen und damit auch den vorzeitigen Abbau des Mauergefüges zu verhindern. Über diese Schutzfunktion hinaus aber nutzten die Baumeister den Putz stets auch als Gestaltungsmittel. Durch die zur Verfügung stehenden lokalen Sande und Kalke, die Auftragstechnik und die Oberflächenbehandlung verliehen sie ihrem Bauwerk so ein individuelles Gepräge. Beide Eigenschaftsgruppen sind in unmittelbarer Abhängigkeit zusammen entwickelt worden. Das eine wäre ohne das andere nicht entstanden. Gebaute Architektur und deren visueller Ausdruck fanden zu einer Einheit zusammen und prägten insgesamt das Erscheinungsbild ganzer Regionen.

Im Zuge der Industrialisierung und der Erfindung der verputzten Außenwärmedämmung wurden Baustoffe und die Kombination von Materialien zu Putzmörteln technologisch optimiert und im wahrsten Sinne des Wortes „ausgedünnt“. Die zeitgenössische Anwendung und Standardisierung wird der Vielfalt des Materials, der Kombination seiner Bestandteile sowie der unendlichen Variabilität von Auftragstechnik und Erscheinung beziehungsweise Gestaltung der Oberfläche dabei nicht mehr gerecht. Bei einer guten Putzfassade gilt es, die große gestalterische und technische Vielfalt im Material neu zu entdecken und dem Bauwerk wieder einen individuellen Ausdruck zu verleihen.

Wie viel poetische Kraft steckt in einer guten Putzfassade?

Putz ist eines der ältesten Baustoffe. Sand, Kalk und Wasser finden sich an fast jedem Ort der Welt. Doch jeder Sand ist anders – grobkörnig, feinkörnig, Rundkorn, Spitzkorn, dunkel, hell, dicht oder fein – und jedes Kalkvorkommen hat seine besonderen Eigenschaften.

Stellt Euch eine Putzoberfläche vor, die mit Marmormehl veredelt oder dem Muschelkalk beigefügt wurde und die nun einen wunderbar schimmernden Glanz erzeugt.

Eine Putzoberfläche gibt ihre Rezeptur nicht preis. Man kann vielleicht die Korngrößen bestimmen und die eingesetzten Farbpigmente herausfinden, doch der Aufbau und die Rezeptur bleiben für immer verborgen.

Und nun stellt  Euch vor, Ihr steht vor einem verputzen Bauwerk, wo sich die Spuren des Werkszeugs, die der Handwerker mit der Hand geführt hat, für immer erhalten haben und Ihr erfahrt den Glanz und den Schimmer an der Putzoberfläche und erahnt vielleicht in diesem Moment, woher all diese edlen Materialien kommen könnten: Das kann man als „Poesie im Material“ betrachten. Bei mir stachelt es die Experimentierlust an.